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Jede Darstellung der Geschichte verfolgt einen Zweck. Jede Geschichtsschreibung hat ein geheimes Thema. Wer schreibt, deutet und erklärt etwas.

Haus Huisken, Itterbeck 1922
     - Gründungshaus -

Kirchen und Gemeinden sind unterwegs. Das "Schiff, das sich Gemeinde nennt", treibt nicht einfach im Meer der Zeit. Es hat ein Ziel und eine Richtung. Um den Kurs zu halten, kann es hilfreich sein, ein Stück des Weges zurückzuschauen.

Die Kirche fängt nicht mit den altreformierten Gemeinden an und sie hört mit ihnen nicht auf. Lange vor ihnen gab es die Kirche Jesu Christi. Sie bleibt auch nach uns bestehen. Es ist deshalb nicht gut, allzuviel von "unserer " Kirche zu reden. Wenn sie "unsere" wäre, wäre sie eine schlechte und falsche Kirche. Sie kann nur Kirche Jesu Christi sein!

Erneuerungsbewegungen hat es in der Kirche immer gegeben. Schon 1394 wurde das Kloster Frenswegen zur Erneuerung der Kirche gegründet. 1517 rief Martin Luther zur Erneuerung der Kirche auf. 1544 beschloss der Graf von Bentheim, die Kirche seines Landes lutherisch zu erneuern und 1588 noch einmal reformiert.

Gründung und Einrichtung der altreformierten Gemeinden

250 Jahre später wollten einfache Gemeindeglieder neues geistliches Leben. Am 1. Januar 1838 wurde dem ältesten reformierten Pastoren, H.M. Cappenburg, ein Schriftstück gegeben. 13 Gemeindeglieder - darunter ein Ältester - erklärten darin, aus der reformierten Kirche auszutreten. Zwei bis vier von ihnen waren schon im Herbst 1837 ausgeschlossen worden. In der ganzen Grafschaft traten keine Pastoren zu den Altreformierten über und nur noch ein ehemaliger reformierter Ältester. Nach der Übergabe der sog. "Abscheidungsurkunde" gehen die Unterzeichner nach Itterbeck, um dort im Haus von Gerd Huisken unter der Leitung von Pastor van Raalte eine abgeschiedene Gemeinde zu gründen.

Am 17. Januar 1838 landete Albert Diek schon für ein oder zwei Tage im Gefängnis. Am 21. Januar 1838 wurde in der offiziellen Kirche angekündigt, dass H.H. Schoemaker und A. Diek zu je fünf Reichsthaler Strafe verurteilt worden seien. "Jedermann sei untertan der Obrigkeit" hieß nach Römer 13 die staatliche und kirchliche Parole zu jener Zeit.

Die staatliche Obrigkeit befand sich im stetigen Wechsel. 1848 war ein bedeutsames Jahr: Die Bürger des Landes erhielten nach revolutionären Versammlungen mehr Freiheiten. Sie konnten jetzt z.B. erstmals überhaupt offiziell aus der Kirche austreten.

1866 wurde das Königreich Hannover von Preußen erobert. Wieder gab es neue Gesetze und Möglichkeiten. Ausländische Pastoren durften seitdem nicht mehr einfach ausgewiesen werden.

Wenig später später schafften die Altreformierten 1872 die reformierte Kirchenordnung ab und übernahmen eine niederländisch angepasste Ordnung. Seit über hundert Jahren, seit 1894, stimmt die Ordnung der Evangelisch-altreformierten Kirche völlig mit derjenigen der Gereformeerden Kerken in Nederland überein. Eingehalten wird sie jedoch nicht in allen Punkten. Dabei war ein solches Abweichen von der bestehenden Ordnung ein wesentlicher Grund für die Entstehung der ersten altreformierten Gemeinden.

Im Sommer und Herbst 2001 arbeiten Kirchenräte und Synode an einer neuen ausführlichen Verfassung der Evangelisch-altreformierten Kirche und einer entsprechenden Geschäftsordnung, in der viele Dinge unabhängig von den Niederlanden geregelt werden. Es entsteht eine Art eigene altreformierte Kirchenordnung in enger Anlehnung an die reformierte Verfassung.

Verfestigung

Zwischen 1838 und 1849 entstanden fünf altreformierte Gemeinden in der Grafschaft Bentheim. In den Jahren  1866, 1911 und 1953 kamen noch drei hinzu. Somit besteht genau in der Hälfte der 16 reformierten Kirchspiele der Grafschaft eine altreformierte Gemeinde. Rund fünf Prozent der Bevölkerung sind altreformiert, variierend von zwanzig Prozent in der Samtgemeinde Emlichheim bis zu weniger als ein Prozent in der südlichen Obergrafschaft.

Bis 1900 könnte man von einer Aufbau- und Einrichtungszeit sprechen. Nach 1900 ist die Zeit der Verfestigung. Rein äußerlich entstanden zwischen 1850 und 1885 überall in der Grafschaft die ersten altreformierten Kirchengebäude, in der Regel, gesetzmäßig bedingt, erst einmal ohne Glocken im Kirchturm (Uelsen 1850/ 1878).

Mit 1880 fingen die Altreformierten an, Gelder für die Mission zu sammeln und eine eigene theologische Schule einzurichten, die bis 1920 bestand. Sogar ein kleines altreformiertes Gymnasium gab es von 1912 bis 1932 in Bentheim bei Pastor Bronger.

Annäherung

Die altreformierte Kirche war in den Jahren 1925 bis 1950 ganz auf die Niederlande ausgerichtet. 1950 bis 1978 fand sie zu größerer Selbständigkeit zurück. Seit 1975 ist eine deutliche Annäherung an die Reformierte Kirche spürbar. Seit 1988 ist ein Gemeinsamer Ausschuss der Evangelisch-reformierten Kirche (Synode reformierter Kirchen in Bayern und Nordwestdeutschland) und der Evangelisch- altreformierten Kirche in Niedersachsen beauftragt, weitere Wege der möglichen Zusammenarbeit aufzuzeigen und zu ebnen. Der Ausschuss hat 1994 und 2001 in einer Broschüre "Reformiert-altreformierte Gespräche" Arbeitsergebnisse und Anregungen dargestellt.

1962 fand in Uelsen unter den Pastoren Lankamp und Wever der erste gemeinsam reformiert-altreformierte Reformationsgottesdienst in der reformierten Kirche statt. Pastor Lankamp hielt die Predigt. "Zur Umkehr ist es noch nicht zu spät!", überschrieb Willi Friedrich einen diesbezüglichen Zeitungsartikel in den Grafschafter Nachrichten.

1975 unter den Pastoren Baarlink, Herrenbrück und Schröder, gab es die ersten gemeinsamen reformiert-altreformierten Kirchenratssitzungen.

1980, in der Zeit der Pastoren Beuker, Schröder, Brouwer und Lambers, Linnemann und Lucas wurden gemeinsame Sitzungen aller vier Kirchenräte am Ort eingerichtet. Sie ergaben sich nach einer Großevangelisation. Seit 1981 feiern die drei evangelischen Gemeinden am Ort gemeinsame Himmelfahrtsgottesdienste. Noch älter sind die gemeinsame Bibelwoche, der Weltgebetstag der Frauen, die Zusammenarbeit in der Urlauberseelsorge und anderes.

1990, in der Zeit der Pastoren Visser, Schröder, Lambers und Schmidt begann im November der offiziell reformierte-altreformierte Kanzeltausch. Zuvor hatten reformierte Pastoren und Pastorinnen in der Vakanzzeit von Dezember 1988 bis Oktober 1989 bereits wiederholt ausgeholfen.

1996 wurde am Buß- und Bettag die erste ökumenische Abendmahlsfeier mit den reformierten Gemeindegliedern in der altreformierten Kirche gefeiert.

Niederländisch - zunehmende Sprachbarriere

Gottesdienstordnung und Formulare, Vereinswesen und Gemeindeaufbau, Kirchenordnung und Ausbildung der Pastoren sind in den altreformierten Gemeinden wesentlich niederländisch geprägt. Die Zahl derjenigen, die Niederländisch lesen und verstehen können, nimmt stark ab. Die letzten niederländischsprachigen Gottesdienste wurden in Uelsen in der altreformierten Gemeinde vermutlich Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre gehalten.

Was bleibt

Reformierte Kirchen betonen den Bund Gottes mit seinem Volk etwa in der Kindertaufe und im Abendmahl. Psalmengesang, Bekenntnisschriften und die Predigt als Mittelpunkt des Gottesdienstes sind ihnen wichtig. Sie betonen, das Heil Gottes gilt dem ganzen Menschen nach Leib und Seele beide. Oder wie schon Abraham Kuyper (1837-1920), wichtigster Theologe der Gereformeerden Kerken um die Jahrhundertwende, es ausdrückte: "Es gibt keinen Fingerbreit des Lebens, der nicht Jesus Christus gehört."

Pastor   Dr. Gerrit Jan Beuker, Hoogstede